Wenn die Tage gezählt sind

Wenn man – wie ich – sein ganzes Leben mit Katzen verbringt, wird man sich mit jedem Jahr das vergeht und jedem Tier das man hat, der Tatsache etwas bewusster, dass die gemeinsame Zeit endlich ist. Je mehr Tiere man auf ihrem letzten Weg begleitet hat, je öfter man ertragen musste, dass sie viel zu früh gehen müssen, umso mehr fürchtet man – zumindest geht es mir so – diesen einen Tag. Seit gestern wissen wir nun sicher, dass dieser gefürchtete Tag für uns und unseren Rasmus in greifbare Nähe gerückt ist.

Mehr zufällig wird ein Tumor entdeckt

Im Zuge einer Giardien-Infektion  – vor etwa drei Monaten – entdeckte die seinerzeit behandelnde Tierärztin einen “kleinen Tumor” in Rassis Maul. Corona wegen, waren wir vorübergehend in eine näher gelegene Praxis gefahren als sonst. Man sagte uns, dass man –  wenn die Giardien Behandlung durchgestanden sei – gelegentlich eine Probe entnehmen müsse, um den Tumor beurteilen zu können. Dass orale Tumore bei Katzen fast ausschließlich bösartig sind und deshalb grundsätzlich Eile geboten ist, sagte man uns leider nicht.

Es dauerte einige Wochen bis wir an das Thema Giardien endlich einen Haken machen konnten. Doch nun quälte sich Rasmus mit irgendeiner allergischen Reaktion. Also noch immer kein guter Zeitpunkt, ihn in Narkose zu legen. Wir hatten den Tumor zwar gedanklich durchaus auf dem Schirm, waren uns des Ernstes der Lage aber nicht annähernd bewusst. Man hatte uns auch noch immer nicht darauf aufmerksam gemacht, wie ernst wir diesen “kleinen” Tumor nehmen sollten.

Also versuchten wir erstmal die Allergie in den Griff zu bekommen. Unser Zottel ist immerhin gut 14 Jahre alt, hat mächtig Rücken und dazu eine Schilddrüsenüberfunktion. Für eine Narkose sollte er schon halbwegs fit sein. So zumindest unsere Gedanken dazu, die sicherlich auch nicht ganz falsch waren. Die Frage, ob man ihm damals noch hätte helfen können, stelle ich mir nun trotzdem oft.

Nachdem sich – trotz aller Behandlungsansätze – seine Juckerei nicht wirklich legte, war eine Blutuntersuchung angedacht. Man muss wissen, dass Rasmus bei dieser Art der Behandlung alles andere als umgänglich ist und wir deshalb auch in unserer “Stamm”-Tierarztpraxis nur zu einer speziellen Tierärztin gehen. Seine Kartei hat den Vermerk “CAVE !!!”. In der “neuen” Tierarztpraxis darf zudem keiner seiner Menschen mit in den Behandlungsraum und so entschieden wir, unser Bärchen in unserer alten Praxis weiterbehandeln zu lassen.

Der Tumor gerät in den Fokus

Eigentlich waren wir ja vordergründig der Allergie wegen in die Praxis nach Erftstadt gefahren, dennoch sprach ich die Tierärztin auch auf den kleinen Tumor in seinem Maul an. Was ich an unserer Tierärztin so ausgesprochen schätze ist, dass sie es irgendwie schafft, ehrlich aber trotzdem mitfühlend zu sein. Deshalb realisierte ich hier nun auch erstmals, wie ernst die Lage eigentlich war.

Während bei Hunden durchaus auch mal gutartige Tumore in der Mundhöhle auftreten können, sind derartige Auffälligkeiten bei Katzen fast ausschließlich bösartiger Natur. Insbesondere dann, wenn sie wie unser Rasmus im Seniorenalter sind. Der Tumor hatte nun also absolute Priorität. Die große Blutuntersuchung, gegen die er sich mit aller Kraft wehrte, ließen wir trotzdem machen. Die daraus resultierenden Befunde zeigten, dass sonst scheinbar alles in Ordnung ist.

Narkose, Röntgen und Entnahme der Gewebeprobe

Wir machten einen OP-Termin für den 05. November aus und hofften in den verbleibenden 14 Tagen bis zum Termin inständig, dass unser Rasmus die absolute Ausnahmekatze ist. Der 05. November rückte heran und die Angst war groß. Da nur einer seiner Menschen mit in den Behandlungsraum darf und Herrchen mir den Vortritt ließ, blieb ich bei unserem Bärchen, bis er schlief. Dann warteten wir vor der Praxis im Auto bis die OP überstanden war. Wir wollten für den Fall, dass es Komplikationen gibt, in seiner Nähe sein.

Der Eingriff verlief gottlob ohne große Komplikationen. Der Kiefer und sein Torso wurde geröntgt, der Tumor wurde zu einem Teil entfernt und die Zähnchen wurden auch gleich noch geputzt und von Zahnstein befreit. Die Gewebeprobe wurde zur pathologischen Untersuchung eingeschickt. Das Röntgenbild des Kiefers zeigte, dass sich der Tumor – wenn auch nicht extrem tief – bereits bis zum Knochen vorgearbeitet hatte.

Warten auf die Befunde

Die nachfolgenden sechs Tage waren sehr belastend. Wir hofften zwar auf ein Wunder, aber alles, was wir gelesen und gehört hatten ließ wenig Raum für Optimismus. Gestern kamen dann endlich die Ergebnisse der Biopsie und gaben uns die schreckliche Gewissheit, dass es sich bei dem Tumor im Maul unseres Bärchens um ein orales Plattenepithelkarzinom handelt. Ein bösartiger invasiver Tumor, der in der Regel schnell wächst und selten gut operabel ist.

Wie kann es nun weitergehen?

Angesichts der Röntgenaufnahmen  ist davon auszugehen, dass für die komplette Beseitigung des Tumors eine Amputation des halben Unterkiefers notwendig ist. Zuvor müsste er allerdings nochmal in Narkose gelegt werden, um durch ein MRT sicherzustellen, dass der Tumor nicht bereits gestreut hat. Alternativ können wir ihn palliativ behandeln und den Dingen ihren Lauf lassen.

Eine schwere Entscheidung

Oder auch nicht. Bereits die  vergleichsweise harmlose Probenentnahme hat Rasmus sehr zu schaffen gemacht und wir brauchten drei Tage um wieder halbwegs unseren alten Rasmus zu haben. So richtig erholt hat er sich bis heute – eine Woche nach dem Eingriff – noch nicht. Sollen wir ihm da wirklich diese Odyssee an Eingriffen zumuten? Sollen wir unserem stolzen, dickschädeligen, absolut kompromisslosen Zottelbären mit 14,5 Jahren dazu zwingen, mit einem halben Unterkiefer leben zu müssen? Das alles ohne jede Garantie, dass er dann wirklich geheilt ist. Nehmen wir ihm damit nicht vielleicht die letzte Zeit seines Lebens, in der er noch ein lebenswertes Katzenleben führen kann?

Ich habe niemals vorzeitig aufgegeben und immer bis zur bitteren Neige gekämpft. Manchmal hat es sich auch wirklich gelohnt.  Aber ich finde, das Ziel sollte immer sein, dass es dem Tier bei dem was man tut besser oder zumindest nicht schlechter geht. Herrchen und ich glauben, dass das nicht der Fall sein wird, wenn wir entscheiden, den Tumor beseitigen zu lassen.

Leben mit dem Wissen, dass der Abschied naht

Wie lebt man damit zu wissen, dass das geliebte Tier bald gehen muss? Ich kann es euch nicht sagen. Gestern Abend habe ich über Stunden geweint. Heute früh als ich wach wurde, waren meine Gedanken sofort bei unserem Rasmus und es fühlte sich fast an, als wäre er schon weg.

Man hört oft von Menschen, die unwissend um ihren Gesundheitszustand glücklich und zufrieden leben, bis dass sie eine schreckliche Diagnose erhalten, die ihnen die Freude am Leben nimmt. Ich glaube, ein bisschen kann man das vergleichen. Wie lange wir unser Bärchen noch haben werden, kann uns niemand sagen. Wir wissen nur, dass er uns in absehbarer Zeit verlassen wird und hoffen, dass uns noch ein bisschen Zeit miteinander bleibt, in der er ein würdiges Katzenleben führen kann. Es ist einfach nur schlimm und ich versuche nun einen Weg zu finden, irgendwie zu genießen, dass er noch da ist. Ich hoffe, mir gelingt das einigermaßen.

11

Ähnliche Beiträge

  • Frustpinkler Mir scheint, es war gestern, dass ich voller Stolz von unserem schönen Innenbereich zum Freigehege berichtet habe. Ich war eigentlich auch sehr zufrieden mit Schatzis Wohnzimmer, doch […]
  • Chronische Niereninsuffizienz bei Katzen
  • Geriatrisches Profil KatzeGeriatrisches Profil Geriwas? Als Geriatrie bezeichnet man die Altersheilkunde des Menschen. Die Tiergeriatrie befasst sich mit selber Thematik, nur auf den Vierbeiner bezogen. Demzufolge könnte man ein […]

5 Kommentare

  1. AndreaBabette

    Ich hatte beim Lesen tatsächlich Gänsehaut! Mein Kater hat auch schon den Seniorenstatus erreicht und ich mache mir langsam Gedanken, um die Endlichkeit der Zeit, wie du so schön gesagt hast. Ich fühle absolut mir dir und wünsche dir und Rasmus alles Gute! Ich bin mir sicher, dass du ihm die schönsten letzten Stunden bereitest, die er nur haben könnte! Ich wünsche dir ganz viel Kraft!
    Deine Babette

  2. AndreaTina

    Liebe Andrea,
    genieß(t) die Zeit, die ihr noch habt, so gut es geht.
    Ich habe meine Seelenkatze während des Corona-Lockdowns dieses Jahr im April verloren, mit 14,5 Jahren. Akute Bauchspeicheldrüsen-/Leberentzündung mit Verdacht auf einen im Ultraschall (noch) nicht entdeckten Tumor.
    Sie wollte einfach nichts mehr fressen. Trotz “Zwangs”ernährung und Infusionen nahm sie immer weiter ab, bis sie eines Abends nicht mehr konnte/wollte. Sie hat sich auf meine Brust gelegt, das Pfötchen an mein Kinn gehalten, mich noch 2mal tonlos angemaunzt, um Blickkontakt aufzubauen (das war so ihr Ding)… und dann hat sie einfach aufgehört zu atmen. :`(((

    Letztes Jahr um diese Zeit wusste ich noch nicht mal, dass ihr etwas fehlt. Wir hatten im Nov. 2019 ein Geriatrieprofil erstellen lassen und alle Werte waren im (altersentsprechenden) Normalbereich.
    Weihnachten war noch total unbeschwert.
    Erst am 10.1.2020 fiel mir auf, dass sie sich plötzlich leichter anfühlte, was die Waage auch bestätigte. Sie hatte innerhalb von knapp 2 Wochen ein halbes Kilo abgenommen… und trotz Medikation, Infusionen und allen erdenklichen Mitteln war ihr nicht mehr zu helfen.
    Auch wir standen vor der Option, sie aufschneiden und operieren zu lassen und haben uns dagegen entschieden.

    Die letzten 4 Monate waren wunderschön – und doch irgendwie die Hölle.
    Pukki war mein Seelenwesen.. sie war quasi immer bei mir. Wenn ich am PC saß, dann legte sie sich vor die Tastur über meine Unterarme, setzte ich mich auf die Couch, dann setzte sie sich auf meine Oberschenkel und machte sich lang, dass sie ihre Pfoten rechts und links von meinem Hals lang machen konnte (sie umarmte mich quasi), selbst wenn ich in der Badewanne lag, streckte sie sich am Badewannenrand aus und ließ eine Pfotenspitze in mein Wasser hängen, obwohl sie sonst sehr wasserscheu war.
    Trotz allem bin ich froh, dass sie ihre letzten Monate “intakt” verbracht hat.. ohne OP, ohne Narbengewebe, ohne Eingriff(e) durch Fremde. Die (zuletzt täglichen) sub-kutanen Infusionen mit RL-Lösung, die ich ihr verabreicht habe, waren für sie unerträglich genug..

    Katzen haben zum Tod eine andere Einstellung als wir Menschen, glaube ich. Wer geboren wird, muss sterben… der Kreislauf der Natur.
    Pukkis Bruder (der mit mittlerweile über 15 Jahren gsd noch bei uns ist, sich aber mit allen 4 Pfoten gegen sein Renal-Futter wehrt) hat den Verlust gut verkraftet.
    Er hat sie nach ihrem letzten Atemzug beschnuppert und sie nochmals am ganzen Körper geputzt (ein letzter Dienst an und sein Abschied von ihr -> meine Deutung), hat aber sonst keine Anzeichen von Trauer gezeigt, obwohl die beiden immer ein Herz und eine Seele waren. Er gibt mir immer wieder das Gefühl, dass sie für ihn nicht “weg” ist, sondern einfach einen anderen “Zustand” angenommen hat. Klingt komisch, ist aber so.

    Puh, das ist länger geworden als gedacht.. obwohl meine Tränen geflossen sind.

    —tl;dr—
    Kurz und gut.. ich wiederhol’s nochmals… genießt die Zeit, die euch noch bleibt. Dein Rassi merkt wahrscheinlich ohnehin, dass dir was auf der Seele lastet.

    Ich wünsche euch viel Kraft und noch viele erinnernswerte Augenblicke gemeinsam.

    Ganz liebe Grüße,
    Tina

    • AndreaAndrea Autor dieses Beitrags:

      Liebe Tina,
      herzlichen Dank für deinen ausführlichen und so lieben Kommentar. Ich würde gern auch noch ein paar Worte mehr dazu schreiben, aber das Thema ist sehr emotional und ich kann nicht jeden Tag gleich gut damit umgehen. Vielleicht finde ich an einem anderen Tag noch ein paar Worte mehr für dich. Ich möchte nur nicht, dass du das Gefühl hast, ich würde deine herzlichen Worte ignorieren.
      Im Moment geht es unserem Rasselchen den Umständen entsprechend gut und er “nötigt” uns von früh bis spät zum Verwöhnprogramm. Ich wünsche dir und allen die dir am Herzen liegen besinnliche Festtage.
      Liebe Grüße Andrea & Jungs

  3. AndreaLaura von Katzenkram

    Liebe Andrea,

    mit dem Wissen zu leben, stelle ich mir wahnsinnig schwierig vor. Wenn ich da an unsere Katzen denke, wird mir gleich ganz anders…

    Unsere Drei sind jetzt alle10 Jahre alt. Zum Glück gibt es noch keine schlimmeren Alterserscheinungen. Trotzdem bereiten wir schon nach und nach eine Umstellung vor: Seniorfutter, Zahnpflege, Unterstützung beim Krallen stutzen, … und weiterhin natürlich ganz viel Liebe.

    Deinem Rasmus wünschen wir alles Gute, dir vor allem viel Kraft und gemeinsame Zeit, die ihr ausgiebig genießt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.