Schatzi, unser Streuner-Kater

Ich weiß nicht, wann ich Schatzi zum erstenmal herumstreunen sah. Ich glaube, einige Zeit nach Mohrchens Tod, im August 2006. Zunächst schenkte ich ihm nicht viel Beachtung. Auf einem Bauernkaff in der Eifel sind Streuner-Kater eigentlich keine Besonderheit. Mit der Zeit zeichnete sich jedoch ab, dass Schatzi offenbar ständig auf dem stillgelegten Bauernhof unterwegs war, auf dem wir seinerzeit wohnten. Dazu kam, dass er sehr mager, ungepflegt, scheu und ängstlich war. Eben nicht wie eine Katze, die eine Runde durchs Dorf strolcht und abends bei ihren Menschen auf der Couch liegt.

Vertrau mir doch, du Schatz

Ich begann also, den armen Kerl mit Futter zu versorgen. Während er sich Häppchen für Häppchen aus dem Napf klaute um damit in der Scheune zu verschwinden, redete ich aus großer Entfernung auf ihn ein.  Auf diese Weise konnte ich von Woche zu Woche einen Schritt näher am Napf bleiben und ganz langsam sein Vertrauen gewinnen. Bis ich direkt vor dem Napf sitzen bleiben durfte, vergingen Monate.

Während unserer unzähligen Vieraugengespräche fielen so oft die Begriffe „Schatz“ und „Schatzi“, dass unser Streuner-Kater irgendwann auf „Schatzi“ zu hören begann. So kam es dann zu seinem ungewöhnlichen Namen.

Die Sache mit der Pflegestelle

Da die vorhandenen tierischen Familienangehörigen meinen Geldbeutel bereits ausreichend strapazierten, beschloss ich, den Streuner parallel dem Tierschutz zu melden. Der TSV Euskirchen arbeitete seinerzeit „nur“ mit Pflegestellen und deren Kapazitäten waren ausgeschöpft. Also schlossen wir einen Pflegestellen-Vertrag ab und waren fortan offizielle Pflegestelle für Streuner-Kater „Schatzi“.

Ich kümmerte mich also weiterhin um den kleinen Streuner und der TSV trug die tierärztliche Versorgung. Außerdem konnten wir uns aus dem Lager des Vereins Futter für ihn holen. Wir machten jedoch nur ab und an von dieser Möglichkeit Gebrauch,  da die Fahrt für uns recht weit und eher unwirtschaftlich war.

Eine Kastration gleich einer Odyssee

Als ich endlich in der Lage war den Streuner einzufangen, ließen wir Schatzi impfen und gingen das Thema Kastration an. Immer öfter hinterlies er seinen „Duft“ an unserem Terassen-Rollladen und beendete manchen unserer Fernsehabende auf diese Weise vorzeitig.

Man kann sicher verschiedener darüber Meinung sein, ob man einen Kater aus diesem Grund kastrieren sollte. Ganz davon abgesehen, dass jeder unkastrierte Kater mit Freigang zur unkontrollierten Vermehrung herrenloser Katzen beiträgt, ist gerade das Markierverhalten der potenten Jungs häufig Grund dafür, dass ihnen auf unschöne Art nachgestellt wird. Längst nicht jeder beschränkt sich dabei auf das Pflanzen der berühmten „Verpiss dich“-Pflanze. Aus meiner Sicht spricht also mehr für, als gegen eine Kastration.

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Bislang empfand ich die Kastration eines Katers immer wesentlich unkomplizierter, als die einer Katze,  was für mich ein klares Pro Kater ist. Unser Streuner-Kater sollte mich jedoch eines Besseren belehren…

Der erste Versuch

Zunächst lief alles normal. Ich brachte Schatzi zu einem der Kastrationstage des TSVs und holte ihn im Anschluss wieder dort ab.

Eine dem Verein „angeschlossene“ Tierärztin nutzte an diesen Tagen das Wohnzimmer der Vereinsvorsitzenden, um alle Kastrationskandidaten zu operieren. Leider konnte sie bei Schatzi nur einen Hoden finden und entfernen. So stand nun die Frage im Raum, wo der zweite Hoden ist und ob dieser – sofern es ihn gab – überhaupt funktionstüchtig war. Um diese Fragen zu klären, musste unser Streuner nach einigen Wochen Erholungspause, erneut zur OP. Sein Markierverhalten und der entsprechende Geruch ließen vermuten, dass es doch noch einen intakten Hoden gibt.

Versuch zwei

Da man den zweiten Hoden im Bauchraum vermutete, musste bei diesem Eingriff nun die Bauchhöhle geöffnet werden. Dieser Eingriff fand allerdings im OP einer anderen Tierarztpraxis statt.

Das Ergebnis war ernüchternd. Trotz intensiver Suche konnte kein Hoden gefunden werden. Die Tatsache, dass man bei der Rasur seines Bauchs Narben früherer Operationen zum Vorschein brachte, ließ die Vermutung zu, dass bereits jemand vor uns in Schatzis Bauch nach seinen Hoden gesucht hatte. Vielleicht war dies auch der „Grund“ dafür, dass sich sein Vorbesitzer seiner entledigt hatte.

Schatzi erholte sich von seinem Eingriff und bekam wieder Freigang. Bald zeigte sich leider, dass er weiterhin markiert. Das Markieren allein, hätte mir weniger Sorge bereitet, weil auch kastrierte Kater diese unschöne Angewohnheit beibehalten können. Viel mehr Sorgen machte mir der Geruch, den er an Blumenkübeln und Rollläden hinterließ. Dieser war nämlich nach wie vor unerträglich.

Ich wandte mich also wieder an die behandelnden Ärzte des TSVs und teilte meine Beobachtungen und Sorgen mit. Leider nahm man mich dort überhaupt nicht ernst, sondern stellte in Frage, dass ich weiß wie ein Kater riecht. Dies lasse ich einfach mal so stehen. Es blieb also zunächst so wie es war. Schatzi „bepinkelte“ alles was ihm dafür geeignet schien und wir rannten mit Putzeimer und Lappen hinter ihm her, um nicht irgendwann Stress mit den Nachbarn zu bekommen.

Aller „guten“ Dinge sind drei

Eine Zeit lang ließen wir es so laufen, doch dann entschloss ich mich, nochmals beim Tierschutz anzurufen, denn so konnte es kein Dauerzustand sein. Ein Kater der so stinkend markiert, war kaum vermittelbar und zudem war davon auszugehen, dass Schatzi nach wie vor potent war. Man schlug mir vor, einen Kölner Tierarzt zurate zu ziehen, welcher dem TSV gelegentlich bei schwierigen Fällen zur Seite stand. Gesagt, getan. Schatzi wurde ein weiteres Mal operiert.

Beim dritten Anlauf fanden die Tierärzte nun endlich – gut in der Bauchhöhle versteckt – den vermissten Hoden. Als „Zugabe“ gab es dann noch einen eiternden Tupfer, der beim vorherigen Kastrationsversuch in seinem Bauch vergessen wurde. Der langen Verweildauer des Fremdkörpers in seinem Bauch war es wohl auch geschuldet, dass es Schatzi nach diesem Eingriff  gar nicht gut ging. Er hatte Fieber und musste mehrfach Antibiotika bekommen. Auch musste er über längere Zeit eingesperrt bleiben, was ihm so gar nicht gefiel. Mir fiel schon ein Stein vom Herzen, als es ihm irgendwann wieder besser ging.

Auf und ab

Wenn man sich das Vertrauen eines völlig verängstigten Katers über Monate in ganz kleinen Schritten erarbeiten musste, dann tragen so Sachen wie Einfangaktionen, Tierarztbesuche, OPs, Einsperren, Schmerzen etc. natürlich nicht gerade dazu bei, das bestehende Verhältnis zu festigen. Viel mehr war Schatzi nach jeder dieser Aktionen zunächst mal wieder sehr misstrauisch und ließ mich – sofern er die Wahl hatte – nicht mehr auf Armlänge an sich heran. Ich musste ihn also immer wieder aufs Neue davon überzeugen, dass er mir vertrauen kann.

Umso glücklicher war ich, als er dann endlich kastriert war und wir uns nun wirklich nur noch darauf konzentrieren mussten, an unserer Beziehung zu arbeiten.

Vom Streuner-Kater zum Schmusebär

Von Tag zu Tag wurde Schatzi zutraulicher. Zumindest, was „seine“ Menschen anging. Ich konnte ihn mit der Zeit auf den Arm nehmen und er sprang mir auch von ganz allein auf den Schoß. Waren meine Kinder draußen auf der Wiese, dann kroch er den Beiden fast in die Hosentaschen.

Fremde mochte Schatzi hingegen gar nicht. Ganz besonders Männer machten ihm Angst. Das hat sich auch nach nunmehr acht Jahren nicht so wirklich herausgewachsen. Welche Erfahrungen auch immer er machen musste, er kann sie wohl nicht so recht vergessen.

Ich glaube so ziemlich jeder wird sich vorstellen können, dass ich es nach all dem Erlebten und dem vielen Herzblut nicht fertig brachte, Schatzi in fremde Hände zu geben. Meine Angst, er könnte noch einmal enttäuscht werden war groß und mein Herz hing an dem kleinen Strolch. Schatzi gehörte nun einfach zu uns. Punkt.

Er ist ein unersättlicher Schmuser, der von Streicheleinheiten nicht genug bekommen kann. Er sabbert beim Schmusen schlimmer als eine Bulldogge und wagt man es, das Streicheln zu unterbrechen, dann stubst er solange mit dem Kopf, bis man weiter macht. Begleitet wird dieses Ritual meist von 3-10 schrillen „Miau!“. Er ist einfach ein absoluter Schatz. Einen Rest Skepsis, bezogen auf Menschen, hat er bis heut nicht verloren. Das gehört einfach zu ihm.

Was keinesfalls unerwähnt bleiben darf, ist die hervorragende Erfolgsquote unseres Erdbeerlöckchens bei der Mäusejagd. Selbst nach Umzug ins Freigehege bleibt diesbezüglich kein Auge trocken. Und das „Schönste“ ist, wir bekommen fast immer etwas ab von seiner Beute.